Brieftaubenzüchter betreiben ihr Hobby mit viel Herzblut

Männchen gurren, Weibchen schweigen

Presse10032017Sul1

Am Auflassort kennen die Brieftauben nur eine Flugrichtung: heimwärts. Bild: Verband Deutscher Brieftaubenzüchter/exb

Sulzbach-Rosenberg
10.03.2017

                                  

 Presse10032017Sul2 Presse10032017Sul3

Seit 1976 ist Ludwig Maul Brieftaubenzüchter mit Herz und Verstand.    Ein luftiges Haus zum Wohlfühlen, von rund achtzig Brieftauben bewohnt.

Der Blasmusiker Ernst Mosch, der Skispringer Severin Freund und der Vater von Boxer Mike Tyson - sie alle hatten oder haben eine gemeinsame Liebe: die Brieftaube. Auch bei uns betreiben viele Züchter dieses Hobby - mit moderner Technik und vor allem mit viel Liebe.

Schon von weitem ist ein Geräusch zu hören, in der Dr.-Martin-Luther-Straße. Es ist ein vielstimmiges Gurren, und es kommt aus dem Anwesen Nr. 34, aus dem Taubenschlag neben dem Haus. Der wurde in den 1990er Jahren gebaut und gehört Ludwig Maul, einem (wie man in der Oberpfalz sagt) "Damgogerer". Rund 80 "blaue" Weibchen und Vögel (so werden die Taubenmännchen genannt) halten sich in einem geräumigen und luftigen Außenbereich auf oder suchen ihre Schlaf- und Nistplätze im Inneren des Schlages auf.

Vom Vater abgeschaut


Der Maul "Luk" ist einer, dem die Liebe zu den Brieftauben schon in die Wiege gelegt wurde. Auch der Vater, der Maul Schorsch, hatte und hat als ehemaliger Bergmann einen Taubenschlag, kleiner als der vom Sohn, aber mit ebenso viel Liebe gehegt und gepflegt. "Des is a Virus, den bringst nimma assa", sagt Ludwig Maul, der nicht nur Vorsitzender der Sulzbach-Rosenberger Reisevereinigung ist, sondern auch Präsidiumsmitglied des Deutschen Brieftaubenverbandes mit 40 000 Mitgliedern.

Die Reisevereinigung Sulzbach-Rosenberg zählt 52 aktive Mitglieder in sieben Vereinen: "Brieftaube" und "Vorwärts" in Sulzbach, "Heimkehr" in Freihung, "Vilstalbote" in Hahnbach, "Adler" in Vilseck, "Vilstalsegler" in Schönlind und "Stürmer" in Seugast. "Die Mitgliederstärksten", sagt Ludwig Maul nicht ohne Stolz, sind die beiden Sulzbacher Vereine." Er hat den Vorsitz bei "Vorwärts", Alfred Heinz bei "Brieftaube".

Hauptproblem in diesem Sport: der Nachwuchsmangel. "Man schau sich doch nur den Fußball an", resümiert Maul, "immer mehr Vereine bringen keine eigene Jugendmannschaft zusammen." Dabei kann die Taubenzucht so schön sein, so spannend, sie bringt Freude am Umgang mit den Tieren, Erfolgserlebnisse und mit etwas Glück auch finanziellen Gewinn. Da kommt Ludwig Maul ins Schwärmen, zeigt mit Begeisterung die Liebe zu seinen Vögeln, erzählt, welch außergewöhnliche Tiere sie sind, als Wettflieger, aber auch daheim in ihrem Schlag. Sie sind monogam, bleiben als Pärchen ein Leben lang zusammen - und das kann bis zu 20 Jahre dauern. "Mein ältester Vogel ist jetzt 21 Jahre und bekommt sein Gnadenbrot", sagt Maul, die anderen seien ein bis zwölf Jahre alt.

Beide Eltern brüten


Ein Taubenweibchen lege immer zwei Eier, das 18-tägige Brutgeschäft werde von beiden Eltern betrieben, das Weibchen brüte nachts, der Vogel am Tag. Das Beobachten, wie sie mit Stroh ein Nest in einer der Schlafzellen bauen, das verliebte Schnäbeln, aber auch der Kampf, wenn es um eine geplant "feindliche Übernahme" einer Zelle geht, das alles gehört ebenso zu diesem Sport wie das Wettfliegen. Maul hat seinen Schlag mit moderner Technik ausgerüstet. Es gibt ein automatisches Kotband zum Ausmisten, die Beleuchtung ist reguliert, und ohne Computer geht es gar nicht mehr, insbesondere bei den Wettflügen.

Flugsaison ist zweimal im Jahr. Die Altvögel fliegen von Anfang Mai bis Ende Juli in 13 Flügen Entfernungen von jeweils 130 bis über 600 Kilometer. Es sind Tauben im Alter bis zu neun Jahren dabei, am leistungsfähigsten sind sie aber, wenn sie zwischen zwei und fünf Jahre alt sind. "Wenn so eine Taube alle Rennen bestreitet, legt sie circa 5000 Kilometer zurück", rechnet Maul zusammen.

Der immer wieder geäußerten Kritik, den Brieftauben würden Höchstleistungen abverlangt, den Haltern ginge es nicht um die Tiere, sondern um Auszeichnungen und Preise, kann Ludwig Maul einiges entgegenhalten. Brieftauben würden während ihrer Flugsaison besonders betreut, weil sie enorme Energiereserven verlieren. "Sie erreichen ja durchschnittlich Fluggeschwindigkeiten von bis zu 100 Kilometer in der Stunde", erklärt er. Es gelte also, ständig das Gewicht zu kontrollieren, mehr als sonst kohlehydrat- und fetthaltiges Futter zu geben, leistungsschwächeren Tieren eine Pause zu gönnen oder sie ganz zu Hause zu lassen.

Natürlich zieht es jede Taube zurück in ihren Heimatschlag, zu ihrem Partner, das sei ein Urinstinkt. Auch bei den Zugvögeln sei das nicht anders. Eine vollständige Erklärung des Heimfinde-Verhaltens der Tiere gebe es aber bis heute nicht. Wissenschaftler, weiß Maul, gehen davon aus, dass Brieftauben wie auch Zugvögel den Stand der Sonne und Sterne sowie das Magnetfeld der Erde als Kompass benützen können. Die Verluste während der Flugreisen halten sich in Grenzen, beruhen in der Regel auf Greifvogelattacken. "Damit müssen wir leben."

Tauben fahren im "Kabi"


Heute werden Brieftauben nur für sportliche Wettbewerbe gehalten. Dabei werden die beringten Tiere der Züchter im Kabinenexpress zu einem Auflassort transportiert, um von dort aus ihren Heimflug anzutreten. In Sulzbach-Rosenberg wartet dieser "Kabi" am Annabergweg, um die Wettflieger entweder nach Kirchberg bei Heilbronn (150 Kilometer), Luxemburg (400 Kilometer) oder Gent (600 Kilometer) zu bringen. Züchter Maul weiß: Für 400 Kilometer Heimflug braucht ein gesundes Tier vier bis viereinhalb Stunden. Und dann wird es spannend: Die Ankunftszeiten im heimatlichen Taubenschlag werden mit einem elektronischen Konstatiersystem registriert, die Daten zur Erstellung der Ergebnisliste an ein Rechenzentrum übergeben.

"Natürlich ist es wichtig, wann sie kommen", sagt Maul, "aber natürlich auch, dass alle kommen." Dass Nachzügler Pause machen und erst Tage später heimkehren, kann passieren, dann aber ist die Freude groß. Einmal im Jahr ist Siegerehrung. Schön ist natürlich, wenn die Tauben Preise einheimsen und der Züchter auch finanziellen Gewinn macht. Maul weiß von erfolgreichen "Dawerern" aus dem Landkreis, die bei bekannten Rennen in Deutschland den zweiten Platz belegten und einen hohen Geldgewinn einfuhren.

Der Nachwuchs fehlt


Aber nicht nur das Nehmen, auch das Geben gehört zum Taubensport. Ludwig Maul ist 2. Vorsitzender eines Förderervereins, der bundesweit Züchter in Not und auch Anfänger unterstützt. Zuvor wurde über Jahrzehnte hinweg Geld an die Aktion Mensch gespendet, das Menschen mit Behinderung zugute kam.

Für Unterstützung der Stadt und des Landkreises sind die Taubenzüchter dankbar, freuen sich, dass der Landrat immer mal wieder vorbeischaut, "der ja im Elternhaus auch mit Tauben aufgewachsen ist". Für die Zukunft ihres Sports wünschen sie sich vor allem eines: Nachwuchs. Vielleicht sollte einer von den Jungen einmal Halt machen in der Dr.-Martin-Luther-Straße, sich die "Blauen" im Taubenschlag anschauen und anhören und dann wohl staunen. Denn anders als bei den Menschen ist es bei den Tauben: Die Männchen gurren und die Weibchen schweigen.

Bergmannsrennpferde Die Anfänge des Brieftaubensports liegen im Ruhrgebiet. Dort erfreute sich die Taubenhaltung im 19. Jahrhundert großer Beliebtheit, so dass die Brieftaube als Rennpferd des Bergmanns bezeichnet wurde. Vor der Erfindung von Telegraf und Telefon setzte man Brieftauben zur Übermittlung von Botschaften ein. Der Sieg von Waterloo 1815 wurde der britischen Regierung etwa durch eine Brieftaube gemeldet. Auch in den Gräben des Ersten Weltkriegs setzte man Brieftauben ein. Bei der Schweizer Armee wurde der Brieftaubendienst erst 1996 beendet. (hka)

Des is a Virus, den bringst nimma assa.Ludiwg Maul über die Liebe zu den Brieftauben